Hauptsache gesund – und wo bleibt die Lebenslust?

von Thomas Anthes

Silvester und Neujahr sind immer auch die Zeit der guten Vorsätze. Viele Menschen nehmen sich vor, im neuen Jahr mehr Sport zu machen, weniger oder gesünder zu essen, sich beim Alkohol zurückzuhalten und mehr Sport zu treiben. Alles im Dienste der Gesundheit. Aber wer nimmt sich vor, im neuen Jahr einfach das Leben mehr zu genießen? Hauptsache gesund – aber wo bleibt die Lebenslust? Darüber haben wir uns mit dem Psychiater und Bestsellerautor Dr. Manfred Lütz unterhalten.

Herr Dr. Lütz, viele Menschen gehen jetzt wieder mit guten Vorsätzen ins neue Jahr. Die meisten wollen mehr für die Gesundheit tun: mehr Sport, weniger trinken, rauchen, essen etc. Aber wer nimmt sich vor, sein Leben mehr zu genießen? Kaum jemand! Ist doch komisch, oder?

Dr. Manfred Lütz: Viele Leute glauben heute nicht mehr an den lieben Gott, sondern an die Gesundheit. Und alles, was man früher für den lieben Gott tat – wallfahren, fasten und so weiter –, das tut man heute für die Gesundheit. Es gibt Menschen, die leben nicht mehr richtig, die leben nur noch vorbeugend. Sie sterben dann gesund, doch auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot.

Haben wir das Genießen verlernt? Und falls wir es verlernt haben, können wir es denn wieder lernen?

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Genießen kann man nicht einfach so lernen. Man muss sich vorher von dem Druck befreien, den diese Gesundheitsreligion macht. Diesem schlechten Gewissen, das man dauernd hat. Natürlich bin auch ich dafür, dass man auf gesunde Ernährung achtet und nicht dauernd Fastfood isst. Aber mal richtig lecker ungesund essen, cholesterinreich, fettreich, mit gutem Wein dabei – das muss doch noch erlaubt sein!

Es gibt inzwischen einen solchen Druck, gesundheitsbewusst zu leben, dass die Fragen: „Wie lebt man eigentlich? Was ist eigentlich das Leben? Ist das nicht auch Genuss? Kann man nicht mal den Moment genießen?“ einfach hinten runterfallen. Dagegen bin ich.

Im Jahr 2002 erschien Ihr heute noch immer lesenswertes Buch „Lebenslust“. Untertitel: „Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitnesskult“. Diese Lebenslust, was ist das eigentlich?

Lebenslust ist das Genießen jeden Moments. Wenn ich Vorträge zu diesem Thema halte, sage ich am Schluss: Wenn ich jedem von Ihnen hier im Saal sagen könnte, wann er stirbt, also das genaue Datum seines Todes vorhersage, dann bin ich sicher, dass Sie morgen schon anders leben werden.

Warum?

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Weil wir uns dann bewusst werden, dass dies ein einzigartiger und unwiederholbarer Tag ist. Wenn er vorüber ist, ist er für immer weg. Das heißt, dass man die Unwiederholbarkeit jeden Moments bewusst erlebt: Einfach Mal für eine halbe Stunde in den Wald gehen. Nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern um diese unwiederholbare halbe Stunde zu riechen, zu schmecken, zu erleben. Das macht das Leben eigentlich intensiver. Das nenne ich Lebenslust.

Es geht also um Lebensqualität. Dagegen geht es der Gesundheitsreligion vor allem um Quantität, um die Verlängerung des Lebens.

Wir vergessen also vor lauter Kümmern um unsere Gesundheit das eigentliche Leben oder das, was wirklich wichtig ist im Leben. Klug ist das nicht…

Das ist überhaupt nicht klug. Im Gegenteil. Beim Thema Gesundheit tanzen wir ja inzwischen ums goldene Kalb. Viele Menschen – auch Politiker übrigens – machen zum Thema Gesundheit Aussagen, die zwar politisch korrekt, die aber letztlich schwachsinnig oder zynisch sind. Zum Beispiel der Spruch „Hauptsache gesund!“. Das ist einer der zynischsten Sprüche, die es überhaupt gibt. Der ist aber heute Routine. Wenn eine Frau ein Kind geboren hat, kommt immer der Kommentar „Hauptsache gesund!“. Ja, was wäre denn, wenn das Kind behindert wäre?

Ich habe viele behinderte Freunde, und als das Buch „Lebenslust“ erschien, war ich ein bisschen besorgt. Wenn ich hier so ein bisschen satirisch über Gesundheit rede, dachte ich, wie wirkt das denn auf wirklich kranke Menschen? Und dann schrieb mir eine 32-jährige Frau, sie sei seit Geburt herzkrank, sei sechs Mal am Herzen operiert worden, aber sie freue sich ihres Lebens. Und sie finde es eine Frechheit, wenn die Leute sagen würden: „Hauptsache gesund!“. Dann hätte sie ja die Hauptsache im Leben nie gehabt. Aber sie freue sich eben doch ihres Lebens.

„Hauptsache gesund!“ kann man ja auch als Handlungsregel, als Imperativ, verstehen. Egal was du tust, was du isst, was du trinkst – Hauptsache gesund!

Es gab mal eine Anzeige in einer überregionalen Tageszeitung, da stand nur „Hauptsache gesund!“ auf einer ganzen Seite. Und wer hat diese Anzeige geschaltet? Eine Pharmafirma. Wenn nämlich die Hauptsache tatsächlich die Gesundheit wäre und wenn sie das höchste Gut wäre, dann wären ja sämtliche Mittel des Staates und alle Anstrengungen erforderlich, um dieses Ziel zu erreichen. Alles andere wäre weniger wichtig und müsste sich hinten anstellen. Jeder von Verstand weiß aber, dass gar nicht alles für die Gesundheit eines jeden getan werden kann, weil dies nicht finanzierbar wäre.

Herr Dr. Lütz, zum Abschluss dieses Interviews: Welche Empfehlungen haben Sie für unsere Leser für das Jahr 2019, was die Aspekte Glück, Genießen, Lebenslust betrifft?

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Wie ich schon sagte: Jeder sollte sich klar machen, dass jeder Tag, der vergeht, ein unwiederholbarer Tag und ein Tag weniger auf seinem Lebenszeitkonto ist. Und auch der morgige Tag ist unwiederholbar. Das sollten wir uns immer wieder klarmachen und dann überlegen: Was mache ich jetzt? Was fange ich mit diesem Tag an? Wenn ich durch den Wald gehe, das ist unwiederholbar. Wenn ich eine wunderschöne Melodie höre, das ist unwiederholbar. Nicht fragen, wo krieg ich das auf CD her, sondern den Moment wirklich genießen.

Es gibt manchmal Momente im Leben, die haben Ewigkeitscharakter. Sensibel zu sein für solche Momente, und nicht nur zu schauen, wie kann ich statistisch mein Leben verlängern, darauf kommt es an. Das führt dazu, dass man das Leben nicht verpasst, sondern es wirklich lebt.

Herr Dr. Lütz, vielen Dank für das Interview!

Unser Interviewpartner

Foto von Manfred Luetz

Dr. Manfred Lütz ist Psychiater, Theologe und Bestsellerautor. Deutschlandweites Aufsehen erregte er mit seinen Büchern „Irre! Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen“ sowie „Bluff! Die Fälschung der Welt“. Neben den im Interview genannten Büchern „Lebenslust.

Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitnesskult“ und „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ beschäftigt sich Dr. Lütz auch immer wieder mit religiösen und theologischen Fragen, so zum Beispiel in seinem Buch „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“. Im vergangenen Jahr erschien sein neuestes Buch „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“. Dr. Lütz ist Chefarzt am Alexianer Krankenhaus für Psychiatrie in Köln.

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